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Kreischa mit Oelsa, Possendorf, Rabenau und Seifersdorf im Ev. - Luth. Kirchspiel Kreischa - Seifersdorf

Jahreslosung 2016

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie eine Mutter tröstet.
                            

Jesaja 66, 13

 



Friedensdekade: Kriegsspuren

Liebe Leserinnen und Leser!

Der November gilt vielen als der „graue“ Monat. Der goldene Herbst des Oktobers vorbei, die anheimelnde Lichterzeit des Advents steht bevor. Im November sind es dann doch ganz andere Töne: Volkstrauertag mit Gedenken der Opfer von Krieg und Gewalt, Totensonntag (oder besser: Ewigkeitssonntag) und das Bedenken der eigenen Endlichkeit und dem Gedenken an die Verstorbenen. Ein Datum liegt aber auch im November, dass viel weniger in den Köpfen verankert ist, als es das Datum verdient: Der Buß- und Bettag. Er ist nicht nur der geheiligte Betttag, wo sich die ausgepowerte Seele erholen kann. Im kirchlichen Kalender und auch in unserer Gemeinde ist es die Zielgerade der sogenannten Friedensdekade, zu der ich herzlich an dieser Stelle einladen möchte.

Kriegsspuren, so lautet das Motto der Friedensdekade. Kriegsspuren kenne ich dabei seit meiner Kindheit. Wenn ich als Kind in Dresden umher gelaufen bin, gab es sie noch aller Orts zu sehen: Das Schloss – eine Ruine. Das Taschenbergpalais, das Kurländerpalais – eine Ruine. Die Frauenkirche – ein Trümmerhaufen. Die vielen freien Flächen in der Innenstadt – letztlich Kriegsspuren. Das ist lange her. Heute drängelt man sich mit vielen tausend anderen Menschen durch die Einkaufspassagen, die Frauenkirche ist ein Touristenmagnet, die vielen wiederaufgebauten Gebäude am Neumarkt sind vielleicht auch Ausdruck der Sehnsucht nach der verloren gegangenen, im Krieg zerstörten Stadt.

Die Kriegsspuren sind deswegen nicht unbedingt weniger geworden. Vielleicht nicht im Städtebild, aber doch in den Erinnerungen und Köpfen der Menschen. Im März dieses Jahres nahm ich an einer Weiterbildung über Mehrgenerationale Forschung teil. Unter anderem ging es um die Drogenabhängigkeit vieler Jugendlicher. Hätten sie gedacht, dass dieses Problem eine Kriegsspur ist? Eine der wichtigsten Hintergründe, warum Menschen zu Drogen greifen, liegt darin, dass bereits offen oder verdeckt in der Familie eine Abhängigkeit bestand, oder ein schweres, unverarbeitetes Trauma. Mir schlackerten die Ohren, als ich hörte, dass zu Nazizeiten die Soldaten, Krankenschwestern usw. allesamt mit sogenannten Vitamindosen versorgt wurden, die tatsächlich Drogen waren. Ganz zu schweigen von den erlittenen Traumata der erlebten Erfahrungen: Bomben, Zerstörung, Tod, Vertreibung, Kriegsgefangenschaft. Vieles ist (und durfte ja auch) nicht aufgearbeitet werden.

Kriegsspuren. Neben diesen werden wir alle bis zur Fassungsgrenze mit aktuellen Kriegsspuren konfrontiert. Flüchtlinge gibt es in Deutschland mehr, wie in all den Jahrzehnten zuvor nicht. In den Nachrichten immerzu Ruinenstädte, der Syrienkrieg, … eine Kriegsspur hier zu Lande ist, dass man es nicht mehr hören kann. Doch die Friedensdekade ruft uns auch unsere Anteile daran in Erinnerung. Unser Wohlstand, zum Teil finanziert mit Waffenexport. Unsere materielle Maßlosigkeit, unser Konsumdenken, unser Anspruch, auch im Winter frische Erdbeeren essen zu können – als eine Selbstverständlichkeit! Es ist schon so: Wer solches sät, wird Flüchtlinge ernten!

Spurenwechsel. Über Kriegsspuren zu schreiben ist einfacher, als einen Spurenwechsel zu vollziehen und über Friedensspuren etwas aufs Papier zu bringen. Und ich verallgemeinere: Nachrichten, vollgestopft mit den neusten Hiobsbotschaften anzusehen ist interessanter als Nachrichten, wo nur Friedensmeldungen in allen Formen kommen. Wen interessiert es beispielsweise, dass in Wiederau in Sachsen die Dorfbewohner gegen die beabsichtige Verlegung von 60 jungen Asylbewerbern aus dem Irak, dem Iran, Syrien und Afghanistan demonstrierten und Erfolg hatten? Klagen ist immer einfacher, als etwas zu ändern. Doch der Friedensdekade geht es letztlich darum: Diesen Spurenwechsel im Kopf zu vollziehen und Friedensspuren zu hinterlassen.

Denn dass keiner von uns die große Weltpolitik nicht grundlegend verändern kann, ist eine Binsenweisheit. Dass jeder von uns nur in dem Wirkungskreis seine Friedensspuren hinterlassen kann, ist auch bekannt. Und dass es schwer ist, auf liebgewonnenes zu verzichten, Brücken zu bauen, zu vergeben und zu vergessen, Friedensspuren zu setzen, ist ungelogen so. Auch menschliche Beziehungen lassen sich schneller einreißen als aufbauen! Aber ist es deswegen nicht umso wichtiger, dieses Thema für sich zu bedenken und der Frage nachzugehen: Welche Spuren möchte ich eigentlich hinterlassen? Wo wäre bei mir ein Spurenwechsel angebracht und möglich?

Lassen Sie sich einladen, damit ihre Spuren im November zur Friedensdekade zu finden. Sie findet am 14. und 15. November jeweils 18:00 Uhr in der Kirche zu Kreischa statt. Am 16. November laden wir 18:00 Uhr zur Andacht mit Friedensgebet, ebenfalls in die Kirche, ein.

Es grüßt Sie alle herzlich und verbleibt mit herzlichsten Grüßen,
Ihr Pfarrer Konrad Adolph

Kontakt

Gemeinde Kreischa
Dresdner Straße 10
01731 Kreischa
Tel. (035206) 209-0
Fax (035206) 209-28
E-Mail: post@kreischa.de