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Kreischa mit Oelsa, Possendorf, Rabenau und Seifersdorf im Ev. - Luth. Kirchspiel Kreischa - Seifersdorf

Jahreslosung 2015

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
                            

Römer 15, 7 (L)

 


  „Hiob“ – Rückblick auf das Chorkonzert
  zum Palmsonntag 2015 in der Kirche zu Kreischa

Als anfangs im kleinen Kreis unserer Kantorei besprochen, später auf Plakaten und auch im Internet sichtbar angekündigt, am Palmsonntag, der die „stille Woche“ einleitet, die mit ihrem traurig-bewegendem Karfreitag- und jubelndem („er ist wahrhaftig auferstanden!“) Ostersonntag-Geschehen ihren Abschluss findet, das Musikstück „Hiob“ von Orlando di Lasso (1532-1594) zur Aufführung gebracht werden sollte, fragte sich so mancher: Hiob? Was hat dieses alttestamentliche Buch (Hiob, Ijob, Job) über dem von Gott begnadeten, dann glaubensgeprüften, schließlich an Gott zweifelnden wie hoffenden Hiob mit Ostern zu tun? Es hat, wie gleich versucht wird zu begründen.

Zunächst: Das von dem in Mons in den burgundischen Niederlanden geborenen und in München gestorbenen Komponisten der Spätrenaissance Orlando di Lasso in den Jahren 1560 und 1582 komponierte Musikstück für gemischten Chor, 2 Sprecher, Basso continuo und Cello ist keine leichte Kost für den heutigen Zuhörer – zunächst im eigentlichen musikalischen Sinne betrachtet. Der jeweils die Sprechvorträge umrahmende polyphone Gesang scheint – anders als barocker oder gar romantischer Chorgesang – ohne das Auf und Ab eines Hervorhebens und Betonens wie auch stillen und verharrenden Abklingens auszukommen. Dem spätmittelalterlichen Menschen war solches Musikalltag, da schien sich seit Hildegard von Bingen und ihrem Liederschatz kaum etwas geändert zu haben.

Wenn also nun im Jahre 2015 in der Kreischaer Kirche, und nicht irgendwo in einem Kloster, wo man womöglich derartige Musik gar erwartet, oder sie – wenn man so will – zum geistigen Wohlfühlen des Besuchers gehören mag, so war man bisher doch im Kreischaer Musikleben eher „modernere Klänge“ gewöhnt, Johann Sebastian Bach eingeschlossen. Aber – an dieser Stelle kann der Kreischaer Musikfreund protestieren. Mit Recht! Vom Dresdner Musikleben wie von den zahlreichen hiesigen musikalischen Vorträgen, nicht zuletzt durch die Schumanniade geprägt, kann dem Kreischaer Musikkenner durchaus so ein Stück wie der „Hiob“ nicht nur zugemutet werden, nein, er kann – wie sich zeigen sollte – von einem Orlando di Lasso durchaus begeistert werden.

Das aber sollte zunächst beim Chor selbst beginnen. Christoph Weyer, unser ideenfreudiger, musikalische Wagnisse angreifender junger Kantor, konnte nicht zuletzt durch eigene Begeisterung seine Sängerinnen von der Idee des „Hiob“ überzeugen und sie auf diesen zunächst nicht ganz einfachen Weg schwieriger Probenarbeit mitnehmen. Doch nützt Gesang allein noch nicht dem lobenswerten Vorhaben, wenn dessen Inhalt nicht verstanden wird. Das mag durchaus bei der im letzten November erklungenen Mass of Regeneration von Alan Wilson vergleichsweise leicht gewesen sein. Jetzt aber! Das Buch „Hiob“ lädt nicht gerade dazu ein, mit Lust und Laune und Leichtigkeit schwere geistige Kost der Hörerschaft darzubieten. Im Gegenteil. Wie kann eine Geschichte, die quälende Fragen an Gottes Liebe und Gerechtigkeit stellt, mit musikalischer Begeisterung, noch dazu in längst nicht mehr geläufiger musikalischer Sprache und auch gar noch in Latein gesetzt, vorgetragen werden? Wie muss ein Dirigent von seinem Vorhaben und dem Inhalt des Vorzutragenden überzeugt sein und innerlich glühen, damit der Funke überspringt und das Feuer der Begeisterung auch die Ausführenden erreicht? Eingeschlossen darin die weiteren Mitwirkenden des die Kantorei verstärkenden Männervokalensembles „Vorsicht Seriös“ wie auch Nikolaus Flämig am Basso continuo, Stefano Cuccuzella am Cello, und nicht zuletzt die beiden Sprecher Peter Anders und Sebastian Lohse.

Und von ihnen allen – wäre es anders zu erwarten? – sprang dann über der Funke auf die Zuhörenden, die gleichermaßen berührt waren von den Worten: Im Land Uz lebte einmal ein Mann namens Ijob. Er führte ein vorbildliches Leben und achtete sorgfältig darauf, nichts Unrechtes zu tun, weil er Gott ernst nahm. Denken wir da nicht an uns selbst, oder an die vielen, die in Gottes Dienst stehen, oder an die, die Gottes Gebote, besonders auch sein Gebot der Nächstenliebe, als Maxime ihres Lebensinhaltes anstreben? Und warum tun sie solches? Um vielleicht den Lohn einmal zu bekommen für ihre Guttaten? Also klingt es zunächst auch weiterhin im Buch Hiob, als wäre schon jetzt jener belohnt für sein gottesfürchtiges Leben. Er hatte sieben Söhne und drei Töchter und einen großen Viehbesitz: 7000 Schafe und Ziegen, 3000 Kamele, 1000 Rinder und 500 Esel. Dazu kamen sehr viele Knechte und Mägde. An Wohlstand und Ansehen übertraf Ijob alle Männer des Steppenlandes im Osten. Hier sehen wir einen Millionär vor uns. Einen Reichen, der wohl so mühsam ins Himmelreich kommen mag, wie ein Kamel durch ein Nadelöhr passt. Doch das Buch Hiob, wie wir weiter erfahren werden, sendet da zunächst eine ganz andere Botschaft. Man lebt und lässt leben, in scheinbarer göttlicher Eintracht und Gottesfurcht und Harmonie, und nicht ohne die nötigen Opfer Gott als Dank für das erquickende Leben darzubringen. Die Sprecher von den Emporen tragen es uns vor: Seine Söhne hatten die Gewohnheit, reihum in ihren Häusern Festessen zu veranstalten. Auch ihre drei Schwestern luden sie dazu ein, und alle aßen und tranken miteinander. Wir denken an orientalische Gastfreundschaft und üppige Lebensweise, dennoch maßvoll im Sinne notwendiger Achtung des Höchsten, und worin der Blick nach oben auch den Blick zur Seite und nicht nur auf sich selbst einschließt.

Es geht schließlich in der Hiob-Geschichte darum, ob der treue Gottesknecht Hiob seinem Herrn und Gott auch dann noch die Treue hält, wenn ihm durch Räuber, Unglück und Missgeschick Geld und Besitz genommen, schlimmer, wenn ihm der Stolz seines Lebens, die Söhne und Töchter in den Tod entrissen, er selbst schließlich mit den fürchterlichsten Krankheiten und Leiden geschlagen wird. In der Versammlung der Himmelsfürsten, die vor Gott zusammen treten, gibt es einen, nämlich Satan, hier dargestellt als der Verführer, Verirrer, Versucher, der Gott beweisen will, dass kein Mensch, nicht einmal der gottgetreueste, wie Hiob, nach all dem erfahrenen Unglück noch irgendeinen Rest Glaubens an einen treuen, liebenden Gott behalten könnte.
Dies Gott zu beweisen, schlägt Satan ihm eine Wette vor, worauf jener eingeht. Satan kann demnach mit Hiob machen was er will, ihm die schlimmsten Prüfungen auferlegen, allein jedoch sein Leben soll er diesem lassen.

Am Ende des Hiob-Buches, wo Hiobs nach allem materiellen Verlust, Tod seiner Liebsten, fürchterlichsten körperlichen Leiden, welches alles ihm Satan mit Gottes Dulden zufügt, zu fallen scheint, wo ihm nur noch die Anklage gegen Gott selbst bleibt, kommt der Wandel, als nach Gottes Frage: wo warst du, Hiob, als ich diese Welt schuf, dieser die Allmacht und Liebe seines Schöpfers erkennt und des Satans Tücke, seines Verführers, erkennt. Hiob findet zu alter Treue und gerechtfertigtem Glauben an seinen Gott zurück.
Alles, was Hiob durch des Satans Wirken und Gottes Belassen verloren hatte, gibt ihm Gott nun mehrfach zurück. Auch werden ihm noch einmal sieben Söhne und drei Töchter geboren. Es heißt: Er starb in sehr hohem Alter, nach einem reichen, erfüllten Leben.
Wünschen wir nicht solches auch uns und unserm Nächsten? Und trotzdem würden wir wohl nicht mit Hiob tauschen wollen, dem, der zwischenzeitlich – als Leid und Verlust am größten waren – den Tag verflucht hat, an welchem er geboren ward.
Es ist die Sinnfrage nach dem Leben, unzählige Male gestellt in Tausenden von Jahren gleichermaßen wie in jüngster Gegenwart, die uns das Buch „Hiob“ so nahe bringt.
Kein Wunder also, dass, jenes alles im Hinterkopf, uns Sprache und Musik des „Hiob“ von Orlando di Lasso so betroffen machen.

Kirchenmusik in Kreischa. Der Palmsonntag fügte ein Juwel hinzu. Orlando di Lasso und sein „Hiob“ erreichten unsere Herzen. Dem Komponisten sei Dank, wie gleichermaßen all den engagierten Darbietern, allen voran Christoph Weyer. Wir können neugierig und gespannt sein, was – sicherlich diesem Niveau folgend – in der weiteren Kirchenmusikarbeit sich anschließen wird.

Guntram Müller
(verwendete Bibel-Zitate (kursiv): Die Bibel im heutigen Deutsch, Berlin und Altenburg 1986)

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