Kreischa mit Oelsa, Possendorf, Rabenau und Seifersdorf im Ev. - Luth. Kirchspiel Kreischa - Seifersdorf
Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Hebr. 13,14
Andacht zum Johannistag: Geh aus mein Herz und suche Freud
Liebe Leserinnen und Leser!
Es gibt wohl kaum ein Sommerlied, das so beliebt ist, wie „Geh aus mein Herz und suche Freud“. In den Strophen des Liedes gelingt es Paul Gerhardt in farbenfrohen Bildern die Schönheit der Schöpfung einzufangen und uns vor Augen und Sinnen zu malen. Gerade in diesen Tagen um den Johannistag – auf der Höhe des Jahres – lässt sich diese Schönheit allerorten sehen.
Ganze 7 Strophen dauert die Wanderung Paul Gerhardts durch die Schöpfung. Vor dem geistigen Auge sieht man die Gärtenzier, die immer wieder zum Staunen führt, welche Farben und Formen die Schöpfung zu bieten hat – und darüber kann man so manches vergessen, was unser Herz belastet. Da ist von der Glucke die Rede, die ihr kleines Völklein ausführt – ein Inbegriff für uns von Geborgenheit und Zuwendung. Und das Reh springt prompt an der Stelle, wo die vielen 16-tel Noten auf und abgehen, als Zeichen für die Unbeschwertheit, der ausgelassenen Lebensfreude. Schließlich ist auch von den Bäumen die Rede. Und welche Tankstation für uns kann das sein: Abends unter einem Baum sitzen, am Tag dem Spiel der Wolken zuschauen oder auf einer Wanderung, wo wir durch das Rauschen der Bäume die Zeit einmal vergessen, der wir sonst so nachhetzen und wir irgendwann ganz bei uns selbst angekommen sind.
So geht es auch Paul Gerhardt. Nach 7 Strophen Wanderung durch Gottes Schöpfung auf Erden ist er auf einmal ganz bei sich und seinen eigensten, innersten Gedanken. Plötzlich wird ihm das Bild der Schöpfung zu einem Spiegelbild für den Garten Christi. Und auch hier wird nicht mit Farben gespart. Vom Garten Christi ist die Rede, dem Paradies, wo Adam und Eva lebten und vertrieben wurden, dessen verschlossenen Tore aber durch Christus wieder weit offen sind. Und er malt es sich aus als goldenes Schloss, das vom Gesang der Engel („Seraphim“) durchdrungen ist.
Natürlich geht es Paul Gerhardt zunächst darum, hinter der Schöpfung auch den Schöpfer zu sehen, hinter der Gabe den Geber nicht zu vergessen. Aber hinter diesen Strophen steht noch etwas anderes.
Ein wenig Sehnsucht schwingt hier mit, in dem er sagt: O wär ich da, o stünd ich schon, auch süßer Gott, vor deinem Thron und trüge meine Palmen. Christi Garten und unsere Welt, trotz aller Schönheit sind wir hier auf dieser Erde eben doch noch nicht ganz im Paradies.
Paul Gerhardt hat diese Differenz sehr deutlich im Leben erfahren. 1653 wurde das Lied geschrieben. Fünf Jahre zuvor war der 30-jährige Krieg zu Ende gegangen. In diesem Krieg hat Gerhardt einen Teil seiner Verwandten verloren, sein Bruder stirbt an der Pest, die Heimat und sein Geburtsort Gräfenhainichen wird im Krieg dem Erdboden gleichgemacht. Er hat dabei viel menschliches Elend gesehen: kranke Kinder, hungernde Familien, Menschen ohne ein Dach über den Kopf, Folter und Grausamkeiten von Soldaten. Und als Paul Gerhardt schließlich geheiratet hat, muss er erleben, wie ihm vier seiner Kinder im Laufe der Jahre wegsterben.
Geh aus mein Herz und suche Freud. Mit diesen Hintergründen spricht sich die Aufforderung auf einmal ganz anders. Paul Gerhardt hatte es damals seiner Frau zugesprochen. Sie sollte sich nicht in den Leiden einrichten und darüber verbittern. Sondern stattdessen aus sich heraus gehen und Freude suchen.
Natürlich hat von uns keiner das durchgemacht wie Paul Gerhardt. Doch der Johannistag lädt ein, innezuhalten, zu bedenken, dass alles wächst, aber auch abnimmt, dass wir Leben und Lebenskraft nie auf Dauer haben. Es ist alter Brauch, an diesem Tag auf den Friedhof zu gehen: Hin zu denen, mit denen wir im Herzen verbunden waren und sind, die wir gern noch um uns hätten und den Verlust noch spüren. Es sind so manche Gräber darunter, die die Gräber von enttäuschten Hoffnungen sind, langer Leidenswege; und die Grabsteine, mit den Namen und Daten – sie lassen oft auch Lebensschicksale erahnen, die wohl keiner erleben möchte.
Geh aus mein Herz! Paul Gerhardt sagt uns: Geh aus dir heraus. Geh heraus aus deinem Kummer, lass dich nicht verbittern über das, was du verloren hast, oder das, was nicht mehr so wird, wie du es gerne gehabt hättest. Geh heraus aus deinem Ärger über dich selbst und andere. Geh heraus aus den alten Verletzungen, den alten Geschichten und übersieh nicht das, was da ist und worüber du dich freuen kannst. Geh aus mein Herz und suche Freud.
Natürlich geht das nicht einfach mal so. Noch sind wir keine Computer! Aber: Vielleicht braucht es sieben Strophen. Es braucht Zeit, manchmal viel Zeit. Zeit um sich alles anzuschauen, ganz genau anzusehen und auf sich wirken zu lassen. Sieben Strophen braucht es schon, um zu sehen, was Gottes Gaben sind, und manchmal reichen im Leben nicht mal sieben Strophen. Sieben Strophen braucht es, um aus der trüben Zeit hinüber zu finden in eine „liebe Sommerzeit“. Sieben Strophen braucht es, um zu entdecken: Meine Gefühle sind nicht alles, meine Trauer nicht und meine Unzufriedenheit nicht. Es gibt mehr als das alles. Es gibt Gottes Gaben und dort finde ich auch Freude.
Am Ende münden die Strophen wie in ein Gebet: Hilf mir und segne meinen Geist mit Segen. Mach in mir deinem Geiste Raum. Erwähle mich zum Paradies.
Umso mehr ich über das Lied nachdenke, umso erstaunlicher finde ich das. Warum am Ende diese Bitten als Gebet? Wäre ein Dank, von Glaubensgewissheit getragen und erfüllt von der Schönheit der Schöpfung nicht viel angebrachter: Danke, lobe, singe?
Ich beantworte mir die Frage so: Geh aus mein Herz – das ist die Erinnerung an uns selbst, in unseren Beschwernissen nicht die Aktivität zu übersehen. Sie sind wichtige Eigenbeiträge zu unserem Wohlbefinden. Gegen Niedergeschlagenheit hilft nicht nur sich behandeln zu lassen, sondern auch selbst das Erkannte zu ändern, selbst zu handeln. Das ist das eine.
Aber das andere ist: Haben wir es wirklich deswegen in unserer Hand, als ob wir, wie das bekannte Sprichwort sagt: Ob in unserem Augen das Glas halb voll oder halb leer ist? Haben wir es wirklich in der Hand, wie Paul Gerhardt trotz allen widersprüchlichen Erfahrungen im Glauben zu bleiben? Das Schöne zu sehen und zu entdecken, wenn die Wolken der Traurigkeit vor unseren Augen stehen?
Und hier liegt der Punkt: Wir haben es und wir haben es nicht. Und in dieser Spannung liegt letztlich unser Leben. Deshalb können wir am Ende nur die Bitten mitbeten:
Dass Gottes Geist in uns Raum erhält, der uns Frieden verheißt;
dass wir immer wieder neu Segen erfahren, um seine Gaben zu sehen und sie nicht nur für sich zu gebrauchen und wir vergeblich hier auf Erden sind;
dass wir wie ein Baum Wurzeln schlagen können um verwurzelt zu sein in einem Halt, der wirklich trägt, mit einer Zeit, die nicht davonrast wie unser Leben – und das nicht irgendwann, sondern durch den Glauben im Hier und Jetzt.
Ihnen allen, auch im Namen der Kirchgemeindevertretung und Mitarbeiter, einen gesegneten Juni,
Ihr Pfarrer Konrad Adolph